Flüster, flüster. Was sonst mit vorgehaltener Hand als wenig höflich gilt, das macht die Landesgartenschau Aschersleben zu einer Tugend, ja zu einer Wohltat für die Ohren der Besucher. Ruhebänke im Bestehornpark laden zum Verweilen, Entspannen und Hören ein. Aus den Lautsprechern der Flüsterolearien, so heißen die Sitzmöbel in Olearien-Form, dringen leise heimatgeschichtliche Erzählungen und Anekdoten an das Ohr der Gäste. Unterlegt von dezenter Musik erzählen Menschen aus Aschersleben die Geschichte ihrer Stadt.
Die Flüsterolearien sind eine Idee des Büros Sinai. aus Berlin. Die Flüsterbeiträge sind ein Produkt des lokalen Bürgerradios Harz-Börde-Welle (Radio hbw). Eine entsprechende Vereinbarung zur Herstellung der 50 Titel wurde heute durch Ascherslebens Oberbürgermeister Andreas Michelmann und dem Geschäftsführer von Radio hbw Kay Mähnert offiziell unterzeichnet. „Für uns ist es eine spannende Aufgabe und ich freue mich, dass wir einen solch kreativen Beitrag für die Landesgartenschau in Aschersleben leisten dürfen“, so Kay Mähnert.
Radio hbw verfügt als lokale Rundfunkstation nach rund zehn Jahren Recherche über einen Fundus von rund 6000 Regionalbeiträgen aus nahezu allen Bereichen hiesiger Geschichte. Ein Teil dieses Fundus, eigentlich zusammengetragen für Radiobeiträge und das Internet, wird für die Produktion der Flüsterlolearien konzeptionell überarbeitet, redigiert und mit unterschiedlichsten Stimmen aus der Region neu produziert. Autor der Beiträge ist der hbw-Moderator Tom Gräbe.
„Eine ganz geniale Bereicherung“, nennt der Chefplaner der Landesgartenschau, AW Faust vom Berliner Büro sinai, das Engagement des Bürgerradios. Als Faust die Flüsterolearien für die Gartenschau erfand, war noch völlig offen, wie die Bespielung der Möbel aussehen könnte. „Ich finde es stark, dass sich so eine Eigendynamik aus der Stadt selbst heraus entwickelt hat. Das Ganze hat sich viel positiver entwickelt als gedacht“, freut sich Faust.
Auf dieses „Aus der Stadt …“ legt Radio hbw großen Wert, denn es bildet als Bürgerradio die Lebenswirklichkeit der Menschen im Sendegebiet nicht nur ab, sondern es holt regelmäßig die Bürger selbst ans Mikro. Unaufdringlich, aber dennoch spannend mit Geräuschen, Atmosphären, Originalitäten und Musik unterlegt, erzählen die Aschersleber über ihre Stadt: junge Stimmen, gelebte Stimmen, mal hochdeutsch, mal mit deutlichem Dialekt, mal geschliffen, mal gerade heraus. Die Besucher der Landesgartenschau bekommen so einen unmittelbaren Eindruck von Geschichte, Gegenwart und Gesellschaft der ältesten Stadt Sachsen Anhalts. Besonderer Wert wird bei der Produktion der Flüsterolearien auf eine episodenhafte Reihung der einzelnen Beiträge gelegt. Der Fokus liegt nicht auf der Vermittlung von Zahlen und Daten, die die Besucher in jedem Reiseführer nachlesen können, sondern auf der Geschichte hinter den Fakten.
Erzählt wird – fragmentarisch und ohne einen Anspruch auf Vollständigkeit – was 1255 Jahre das Leben in der ehemaligen Ackerbürgerstadt geprägt hat: „Albrecht der Bär und die Siedlungen der Franken im frühen Mittelalter“, „Vom Exerzierplatz zur Festwiese – Nutzungsgeschichte der Herrenbreite“, "Barfuß nach Canossa – Predigergeschichten vom Stephaniekirchhof“ oder auch „Konzentrische Schrumpfung – Stadtumbauexperimente“ heißen einige der insgesamt 50 Beiträge. Untermalt werden sie mit ruhiger und auf die jeweilige Geschichte zugeschnittener Musik. So unaufdringlich, dass Sprache und Musik eine Einheit bilden, durch den Raum fliegen und Anlass zum Nachdenken bieten. Als Einladung sich einzulassen, auf die spannende Geschichte der ältesten Stadt Sachsen-Anhalts.
Hintergrund Flüsterolearien
Die Idee stammt vom Büro Sinai.Faust.Schroll.Schwarz aus Berlin, Sieger des landschaftsarchitektonischen Wettbewerbs der Landesgartenschau. Die acht Flüsterolearien ziehen auf dem Audio-Campus, der Grünfläche vor dem Riegelbau im Bestehornpark, die Blicke auf sich. Die dynamisch geformten Bänke haben Maße von ca. 2,80 m x 1,20 m. Darin sind zwei Lautsprecher und ein Radarsensor eingelassen. Das Abspielgerät befindet sich nebenan im Schulgebäude, so dass nach der Laga die Schüler die Technik benutzen können, um den Flüsterolearien immer wieder neue Geschichten zu entlocken.
Die Herstellung der Olearien haben Molitor GmbH Berlin und Concrete Sportanlagen übernommen. Sie fertigen die Möbel anhand eines Urmodells aus Gips und Styropor in dunklem Glasfaserbeton, welcher noch mit UV-beständigen Pigmenten eingefärbt wird. Glasfaserbeton ist mit kurzen Glasfasern durchmischter Beton, die ihm eine große Festigkeit verleihen.