Veranstaltungskalender

Stolpersteine

Neun weitere Stolpersteine erinnern in Aschersleben an das Schicksal jüdischer Mitbürger
Ein jüdisches Sprichwort lautet: Ein Mensch ist erst dann vergessen, wenn sein Name vergessen ist. Kleine mit Messing überzogene, in die Gehwege eingelassene „Stolpersteine“ verhindern dieses Vergessen seit nunmehr 15 Jahren in Deutschland und Europa. Der Künstler Gunter Demnig initiierte dieses Projekt, das seit vielen Jahren durch den Arbeitskreis „Geschichte jüdischer Mitbürger in Aschersleben“ auch in der ältesten Stadt Sachsen-Anhalts gelebt wird. Mehr als 50.000 Stolpersteine sind insgesamt bereits verlegt worden, nun kamen am 30. Juli 2015 in Aschersleben neun weitere hinzu.

Im Beisein zahlreicher Gäste und Bürger, begrüßte Lars Bremer vom Arbeitskreis die Anwesenden. Unter den Gästen konnte Lars Bremer acht aus Israel angereiste Angehörige der bedachten Opfer des NS-Regimes begrüßen sowie Landesehrenrabbiner Benjamin Soussan. Emotional und feierlich ist an die neun Männer, Frauen und Kinder gedacht worden, die einst die Gebäude Hinter dem Turm 1 und Breite Straße 41 ihr Zuhause nannten. David Löblich und Lars Bremer las die in Archiven und anderen historischen Quellen gesammelten Informationen zu den Familien und deren Schicksal vor. Die Texte haben David Löblich und Claudia Andrae verfasst. Vertreter der Angehörigen sowie Benjamin Soussan ergänzten mit ihren Ausführungen die Stolpersteinverlegung und dankten u.a. für das Engagement, ihre Vorfahren nicht zu vergessen und den Familienangehörigen einen Ort der Erinnerung zu schaffen. Lars Bremer sagte passend: „Die Namen bestehen fort, auch auf den Stolpersteinen. Das ist das Mindeste, was wir tun können.“

Hinter dem Turm 1 sind für Moritz und Cäcilie Bry, einst Geschäftsinhaber, sowie für ihre Kinder   und Enkel (Lotti Becker, geb. Bry; Erich Bry; Käte Keibel, geb. Bry; sowie Ilse Engehausen und Enkelin Marion Becker, beide geb. Bry) sieben Steine verlegt worden. Nach 1933 wurde die Familie Bry Opfer von Willkür und Verfolgung durch das NS-Regime. Drei Kindern von Moritz und Cäcilie Bry gelingt die Emigration, ihre Eltern können 1939 nach Südafrika folgen. Zuvor war Moritz Bry 1938 gezwungen, sein Geschäft an einen „arischen“ Besitzer zu verkaufen.
Lotti Becker und ihre Tochter Marion konnten aufgrund der Einwanderungsbestimmungen des Landes Südafrika 1939 nicht mit auswandern und sollten später nachkommen. Nach Ausbruch des Krieges gelang ihnen dies nicht mehr. Am 13. April 1943 sind Lotti und Marion Becker gemeinsam mit weiteren jüdischen Bürgern über Magdeburg in das Warschauer Ghetto deportiert worden. Im Sommer 1943 sind sie an einen unbekannten Ort verschleppt worden, wo sie offenbar von den Nationalsozialisten ermordet wurden.

Vor der Breiten Straße 41a, dem ehemaligen Kaufhaus S. & M. Cohan, erinnern nun zwei Steine an Stephan und Thomas Silberberg (geboren 1934 und 1938). 1898 eröffnete die Bernburger Firma S. & M. Cohan zunächst am Markt 10/Ecke Breite Straße ein Geschäft für Manufaktur- und Modewaren (heute Buchhaus am Markt). Inhaber der Firma war der Kaufmann Hermann Crohn. In den Jahren 1913/14 wurde durch das Architekturbüro von Stadtbaurat Dr. Hans Heckner für die Firma S. & M. Cohan in der Breiten Straße 41a ein moderner Kaufhausneubau (heute MäcGeiz) errichtet. Das Ehepaar Hermann und Alice Crohn von wohnte mit ihren vier Kindern ab 1914 über den Geschäftsräumen des Kaufhauses.
Die älteste Tochter Ilse emigrierte mit ihrer Familie 1934 nach Palästina, ihre jüngste Schwester Henny mit Familie 1934 nach Südafrika. Lilli Crohn, mittlerweile mit Karl Silberberg verheiratet, in Berlin lebend und Mutter von Thomas und Stephan Silberberg, muss 1938 die familieneigene Fabrik „Jules Ries“ aufgeben. Fluchtpläne von Alice Crohn mit Tochter Käte und Familie Silberberg scheitern. Im April 1942 wird Käte Hirsch zum zweiten Mal verhaftet und am 13. April 1942 ebenfalls über Magdeburg nach Warschau deportiert. Im Jahr 1944 wurde sie in Warschau versteckt, danach verliert sich ihre Spur.
Im November 1942 wird auch die schwer kranke Alice Crohn mit einem Transport über Magdeburg in das Ghetto Theresienstadt verbracht. Von dort verschleppte man sie im Mai 1944 in das Vernichtungslager Auschwitz. Karl Silberberg wurde 1943 von der Gestapo verhaftet  und nach Auschwitz deportiert. Lilli Silberberg und ihre beiden Söhne können sich eine Zeit lang im Untergrund verstecken, später werden sie in Berlin jedoch verraten und 1944 nach Auschwitz deportiert.

Vor beiden Häusern erinnern bereits Stolpersteine an das Schicksal weiterer Familienangehöriger. Umfassende Informationen zum Leben und Werdegang der jüdischen Mitbürger hat der Arbeitskreis zusammengetragen.

Fotos: Vor den Gebäuden Hinter dem Turm 1 und Breite Straße 41a sind die Stolpersteine verlegt und mit Rosen den Opfern gedacht worden (obere zwei Bilder). Landesehrenrabbiner Benjamin Soussan (r.) nahm gemeinsam mit acht aus Israel angereisten Angehörigen der Opfer an der Stolpersteinverlegung teil (drittes Bild von oben). Lars Bremer sowie David Löblich zeichneten im Beisein zahlreicher Gäste die Lebenswege der NS-Opfer nach. Schließlich verlegte der Berliner Künstler Gunter Demnig die Stolpersteine (unterstes Bild). Fotos: Stadt Aschersleben

Aschersleben, 31. Juli 2015