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Zukunftsprojekt Interkommunales Gewerbegebiet

In der öffentlichen Debatte um das geplante interkommunale Gewerbegebiet – einem gemeinsamen Projekt der Kooperationsstädte Aschersleben, Arnstein, Falkenstein/Harz und Seeland – werden insbesondere drei Argumente gegen die Umsetzung eines solchen Vorhabens angeführt:

1. Eingriff in hochwertige landwirtschaftliche Flächen

2. Es entstünden nur wenige Arbeitsplätze bzw. unklar sei, wo die Arbeitskräfte herkommen

3. Es seien keine kurzfristig steigenden Gewerbesteuern zu erwarten

Oberbürgermeister Steffen Amme nimmt hiermit Stellung zur öffentlichen Debatte und möchte die Punkte an dieser Stelle gern klar, verständlich und faktenbasiert einordnen:

1. Landwirtschaftliche Flächen – warum wir dennoch Flächen für Gewerbe brauchen

Ja, das geplante Gebiet wird derzeit landwirtschaftlich genutzt. Das sehen wir, und damit gehen wir offen und ehrlich um. Gleichzeitig müssen wir als Stadt und als Region beantworten, wie wir unsere wirtschaftliche Zukunft in den nächsten 20 bis 30 Jahren sichern:

  • Große Investoren – insbesondere aus Zukunftsbranchen – suchen zusammenhängende Flächen im zweistelligen Hektarbereich. Solche Flächen können wir aktuell nicht anbieten.
  • Wenn wir kein Angebot machen können, gehen diese Investitionen in andere Regionen. Das bedeutet: weniger Arbeitsplätze vor Ort, weniger Einkommen, weniger Kaufkraft und langfristig weniger Handlungsspielraum für unsere Stadt.
  • Das interkommunale Gebiet ist daher kein „Luxusprojekt“, sondern ein essenzieller Zukunftsstandort, um auch in Zukunft Industrie- und Gewerbeansiedlungen mit moderner, nachhaltiger Ausrichtung zu ermöglichen.

Wichtig ist dabei:

  • Die vorgesehene Gesamtfläche von 350 Hektar wird nicht auf einen Schlag entwickelt, sondern schrittweise und nur dann, wenn konkrete Investoren vorhanden sind. 
  • Ansiedlungen werden über klar definierte Vergabekriterien vorgenommen. Diese Kriterien sollen messbare positive Effekte für die Region (z. B. Wertschöpfung, Gewerbesteuer, gute und langfristige Arbeitsplätze, Ausbildungsleistung) beinhalten und werden nach Abstimmung durch die Stadtverwaltungen letztlich durch die Gremien der Kooperationsstädte festgelegt. Ergänzend können Kriterien ökologische und soziale Standards verbindlich machen (z. B. nachhaltige Bauweise, Kreislaufwirtschaft, regionale Verantwortung).
  • Für jede Ausbaustufe werden ökologische Standards, Ausgleichsmaßnahmen und ein möglichst sparsamer Umgang mit Boden verbindlich festgelegt.
  • Durch die bewusste Bündelung von Gewerbe an einem Standort vermeiden wir, dass sich in Zukunft viele kleinere, ungeplante Flächenverbrauchsprozesse über das ganze Gebiet der Kooperationsstädteverteilen. So entsteht ein kontrolliertes, planbares Wachstum, das die Bedeutung der Landwirtschaft anerkennt, aber gleichzeitig die wirtschaftliche Entwicklung unserer Stadt ermöglicht.

2. Arbeitsplätze und Fachkräfte – warum das Gebiet trotzdem notwendig ist

Wiederholt wird die Sorge geäußert, moderne Industrien seien stark automatisiert und schafften daher nur wenige Arbeitsplätze. Zudem wird gefragt, wo die nötigen Arbeitskräfte herkommen sollen.

Dazu ist Folgendes wichtig:

  • Auch hochautomatisierte Betriebe brauchen Menschen: Ingenieure, Facharbeiter, Techniker, IT-Fachkräfte, Logistik, Verwaltung, Service, Reinigung, Wartung. 
  • Hinzu kommen indirekte Arbeitsplätze: Zulieferer, Handwerksbetriebe, Transportdienstleister, Gastronomie, Handel und viele andere. Erfahrungsgemäß entstehen in der Region rund um größere Ansiedlungen zusätzliche Beschäftigungseffekte, die über die reinen „Werksarbeitsplätze“ hinausgehen.
  • Hochautomatisierte Großprojekte benötigen eine intensivere Vernetzung mit regionalen Dienstleistern benötigen, da sie weniger Personal vor Ort beschäftigen.
  • Eine Ansiedlung auf 10 Hektar schafft bei einer konservativen Annahme von 150 direkten Jobs (hochautomatisiert) statistisch gesehen weitere 225 bis 375 Arbeitsplätze in der Region und bei überregionalen Zulieferern. (Quelle: Institut der deutschen Wirtschaft Köln)
  • Ohne attraktive, gut bezahlte Arbeitsplätze vor Ort wandern Fachkräfte ab – genau die Menschen, um die wir uns Sorgen machen. Ein leistungsfähiges Gewerbegebiet ist daher nicht Teil des Problems, sondern Teil der Lösung.

Die interkommunale Kooperation verfolgt ausdrücklich die Ziele:

  • die Mittelzentrumsfunktion Ascherslebens zu sichern, 
  • neue Perspektiven für junge Menschen zu schaffen und 
  • dem demografischen Wandel und der Abwanderung aktiv entgegenzuwirken. 

Wenn wir jetzt keine Flächen für zukunftsfähige Unternehmen bereitstellen, riskieren wir, dass die Region weiter an Bedeutung verliert – mit allen Folgen für Schulen, Vereine, Kultur und soziale Angebote. Das können und wollen wir nicht hinnehmen.

3. Gewerbesteuern – warum kurzfristige Effekte nicht das einzige Kriterium sind

Richtig ist: In der Anfangsphase können Unternehmen durch Abschreibungen und Investitionskosten die Gewerbesteuerlast mindern. Daraus abzuleiten, das Projekt sei deshalb nicht sinnvoll, ist jedoch zu kurz gedacht.

  • Ein Gewerbe- und Industriegebiet dieser Größe ist immer eine langfristige Investition. Wir planen nicht für ein oder zwei Haushaltsjahre, sondern für ein Zeitfenster von 20 bis 30 Jahren und mehr.
  • Gewerbesteuereinnahmen steigen meist nicht sofort, aber sie entwickeln sich mit Verzögerung und sorgen dann über lange Zeit für stabile kommunale Einnahmen.
  • Neben der Gewerbesteuer gibt es weitere positive Effekte: höhere Einkommensteueranteile durch mehr Beschäftigte, Aufträge an lokale Unternehmen, zusätzliche Umsätze im Einzelhandel, höhere Auslastung von Wohnungen und Dienstleistungen.

Ohne solche Projekte sind wir in Zukunft darauf angewiesen, immer mehr Aufgaben mit stagnierenden oder sogar sinkenden Einnahmen zu finanzieren. Das würde unweigerlich zu schmerzhaften Einschnitten bei Angeboten für Bürgerinnen und Bürger führen.

4. Warum das interkommunale Gewerbegebiet ein Zukunftsprojekt ist

Das geplante interkommunale Gewerbe- und Industriegebiet ist kein Selbstzweck und auch keine „zweite Intel-Fabrik“, wie ein zugespitzte Schild am Feldrand suggeriert. Es ist ein gemeinsames Zukunftsprojekt der Städte Aschersleben, Falkenstein/Harz, Arnstein und Seeland.

Die Ziele sind klar:

  • Sicherung und Stärkung der wirtschaftlichen Basis im Kooperationsraum 
  • Angebote für Investoren aus Zukunftsbranchen, die große, zusammenhängende Flächen benötigen 
  • Erhalt der Mittelzentrumsfunktion Ascherslebens und der damit verbundenen Versorgung für das Umland 
  • Aktive Antwort auf den demografischen Wandel statt bloßer Verwaltung des Status quo 
  • Interkommunale Zusammenarbeit, um Flächen effizient, koordiniert und mit hohen Standards zu entwickeln

Dabei nehmen wir die geäußerten Sorgen ausdrücklich ernst. Gerade deshalb setzen wir auf Transparenz, Beteiligung und klare Kriterien für Ansiedlungen.

5. Schlussbemerkung

Die im Artikel genannten Kritikpunkte sind nachvollziehbar, wenn man nur auf die Gegenwart blickt. Unsere Aufgabe als Kommune ist es jedoch, weiter in die Zukunft zu schauen:

  • Wie sichern wir Arbeitsplätze und Einkommen in 20 Jahren? 
  • Wie halten wir junge Menschen in der Region, holen Rückkehrer zurück und gewinnen zusätzliche Fachkräfte für unsere Städte
  • Wie erhalten wir Aschersleben als lebendiges Mittelzentrum mit guter Infrastruktur, Kultur, Bildung und Vereinen?

Das interkommunale Gewerbegebiet Aschersleben Nord ist eine wichtige Voraussetzung, um diese Fragen positiv beantworten zu können. Es geht nicht um Wachstum um jeden Preis, sondern um gezielte, verantwortungsvolle Entwicklung – im Interesse der heutigen und zukünftigen Generationen. Aschersleben gestaltet seine Zukunft aktiv – gemeinsam mit seinen Partnerkommunen.

20.03.2026